Ich mache definitiv Alibi-Arbeiten – Ein Interview mit Hannah Sophie Dunkelberg von Yvonne Scheja

Ich mache definitiv Alibi-Arbeiten – Ein Interview mit Hannah Sophie Dunkelberg von Yvonne Scheja

Ich mache definitiv Alibi-Arbeiten – Ein Interview mit Hannah Sophie Dunkelberg von Yvonne Scheja

  Im Atelier von Hannah Sophie Dunkelberg zeigt sich, dass das Abstrakte und das Konkrete stets nah beieinander liegen, und in ihren Werken eine spannungsreiche Koexistenz führen. Ein Gespräch und einige Gedanken der Künstlerin.   Fotografie, Zeichnung und Alltagsgegenstände spielen eine wesentliche Rolle in deinen Werken, und doch verbinden diese künstlerischen Mittel sich erst in der Bildhauerei zu einem Werk. Das war nicht mein Plan, denn ich dachte immer, ich wäre Malerin, doch über Installation und Bild-Objekt-hauerei kristallisiert sich für mich letztlich der ehrlichste Weg zu den Dingen heraus, die mich beschäftigen. Kein Element steht auf diese Weise alleine für sich, sondern sie entwickeln immer eine Relation zum anderen, und nur dadurch wird es zu einer Geschichte, unabhängig davon, ob diese verständlich oder unverständlich ist. In deinen Skulpturen und Installationen verwendest du die Ideen von Möbeln und generell Interieur immer wieder, bspw. in Form von Vasen, Tapeten oder Paravents. Welche Bedeutung hat Mobiliar für dich? Ich mache viele abstrakte Arbeiten, die aber nie vollständig abstrakt bleiben, weil es immer ein domestiziertes Objekt oder Material dazu gibt. Mich interessiert dabei, dass das Abstrakte und das Konkrete koexistieren, und vor allem diese gleichzeitige Kodependenz voneinander: Es entwickelt sich ein Anker in die Realität und von dieser zurück in die Abstraktion.

Dinge und Modelle

Einem Modell wohnt immer ein Was-wäre-wenn-Charakter inne – auch ein gewisses Glücksversprechen, das im selben Moment verdächtig scheint – eine sinnliche Utopie.

  Interessant finde ich im Kontext des Mobiliars Fainted Couch, nicht zuletzt weil es sich um ein Ohnmacht-Sofa für Frauen aus dem viktorianischen Zeitalter handelt, von der du auch Miniaturen angefertigt hast. Wie ist der Bezug zwischen diesen Arbeiten, die unabhängig von ihrer Größe als Modelle fungieren? Die lebensgroße Fainted Couch entstand nach der Arbeit Fainted Couch. Bei dieser stehen drei unterschiedliche Miniaturmodelle von Ohnmacht-Couches auf einer Regal-Kulisse bzw. einer utopischen Architektur, die die Benutzbarkeit der Objekte bricht. Ich zeige in beiden Werken den Modellcharakter in meiner Arbeit. Die Abstrahierung und die Nicht-Nutzbarkeit im Vergleich zu einem echten Designobjekt, das man verwenden kann, bringt ein Dispositiv hervor. Das Objekt ist distanzierter und dadurch entwickelt sich ein anderer Zugang zu diesem. Es verändert die körperliche Begegnung. Du hast erzählt, dass es dir dabei auch um die Vorstellung der Handlung mit diesen Objekten geht. Was bedeutet für dich Imagination in diesem Kontext? Jede Kultur hat eine andere Imagination zu bestimmten Objekten, jedes Material, sowie Objekt ist dabei Garant für die eigene Kultur. Jeder hat eine utopische Architektur im Kopf, die sich zu einem eigenen Weltbild zusammensetzt. Genau diesen Aspekt finde ich relevant zu untersuchen und frage mich, warum finden wir ein Material zugänglich, warum das andere nicht, warum anziehend oder abstoßend.  Inwieweit spielt Humor eine Rolle in deiner Arbeit? Ohne ihn geht es nicht, weil Humor eine Ebene ist, die zu einem allgemeinen Verständnis beiträgt. Möglicherweise ist der/die Betrachter/in irritiert durch die Abstraktion und das Material meiner Werke. Das Element des Alltäglichen unterstützt eine Annäherung an sie. So findet Humor gemeinsam statt und schafft einen kollektiven Zugang zu etwas. Mir gefällt daran das Spiel mit zweischneidigen Wahrheiten, die eine humorvolle Ebene eröffnen kann.  

Humor

Verbindet psychische Vorgänge mit sozialen Situationen häufig über Objekte – kritisiert das Komische, Funktionalisierungen und Entfremdungen.

  Deine Titel lassen die Werke teilweise absurder erscheinen. Welche Rolle nehmen sie in deinen Arbeiten ein? Der Titel ist nie vor der Arbeit da. Er entsteht danach oder währenddessen, wenn ich etwas in einer Parallelwelt beiläufig entdecke, das dazu passen könnte und die Arbeit weiterträgt, z.B. Alibi. Dieses Relief ist vielmehr ein Alibi zur Malerei – Alibi steht für den Nachweis von Tatort zur Tatzeit. Das Objekt sieht aus wie Malerei, ist aber keine oder zumindest keine klassische, sondern ein Nachdenken über diese. Es gibt eine Tatzeit, die man sehen und spüren kann, und auch einen Tatort in Form des festen Materials. Ich mache definitiv Alibi-Arbeiten!  

Geheimnis

Meine Arbeiten geben vor, ein Geheimnis in sich zu tragen. Das Geheimnis einer Existenz, das man dennoch im ersten Blick fühlt – eine Art Doppelleben.

  Was bedeutet es für dich, wenn in etwas Bekanntem etwas Unerwartetes auftritt? Das ist das Schönste, was passieren kann. Ist es nicht toll, dass sich Menschen solche absurden, lächerlichen Objekte ausdenken, in denen gleichzeitig etwas Schönes steckt, wie in den Plastik-Sektgläsern meines Werks Sprezzatura? Wir feiern, wir stoßen an. Die Arbeit heißt Sprezzatura, weil dieser alte lateinische Begriff für Smalltalk, den guten Umgang, steht. Sie ist generell ein Nachdenken über eine Situation, z.B. einer Ausstellungseröffnung.   

Transparenz

Das schöne glitzernde Transparente, dass das Licht bricht und ein Verlangen auslöst, weil wir es aus alltäglichen Oberflächen kennen. Das Schöne ist verdächtig, alles Dekorative suspekt.

  Du hast erwähnt, dass in der Transparenz für dich alles zusammenkommt so auch in Sprezzatura – einem transparenten Relief mit Sektgläsern. Ja, zumindest bei den Reliefs. Sie sind die Formwerdung der zeichnerischen Handlung, die mir sehr wichtig ist. Die Abformung mit einem transparenten Material ermöglicht eine greifbare Darstellung dieser Geste, weil man um sie herumgehen und durch sie hindurchsehen kann, und so Vorder- und Rückseite bei Betrachtung eins werden – eine Art flowing and freezing.  

Gedanken zur Skizze, Linien & Spuren

Mich fasziniert die Silhouette der Zeichnung und, dass sie etwas verspricht. Ihre Silhouette symbolisiert einen Abdruck des Verlangens und letztendlich wird sie dann eine Inszenierung der Zeichnung/Malerei.

  Auch in deinen anderen Reliefs kann man die Bewegung förmlich spüren. Wie wichtig ist dir die Übertragung der Linie? Zeichnung ist für mich der erste Zugang zur Umgebung, zur Welt bzw. der künstlerischen Welt. Die Skizzen bringen meine Gedanken in Form und variieren von minimal bis ganz groß, jedoch werden die sehr kleinen Skizzen in hartes Material umgeformt. Ich zeichne immer mit bildhauerischen Mitteln, sonst fehlt mir dieser Widerstand.   http://hannahsophiedunkelberg.com/ http://alexheide.de/ https://www.instagram.com/heides_corner/

zwanzigzwanzig, 2020